Ein „Geheimnisvolles Konzert“ in Brandenburg an der Havel

Wie alles begann.

Da ich das Geld brauchte, spielte ich auch. Ansonsten hätte ich aus Gründen der Eitelkeit meine Sachen gepackt und wäre zurückgefahren. Ein Gedanke, der spätestens dann auftrat, als im Raum direkt neben der Bühne Gläser lautstark aneinanderklatschten, Dartpfeile umjubelt an die Scheibe flogen und die elektronische Spielmaschine quitschende analoge Jingles absonderte, wenn es einen Punktetreffer gab.

Eine Raucherkneipe. Ich hatte die Tür geöffnet, an der eine Tafel hing, auf welcher mit verwischter Kreide „Geheimnisvolles Konzert“ geschrieben stand. Ich trat ein. Als erstes taumelte mir ein schlimm besoffener Fratzke vom Tresen entgegen, und ich fürchtete bereits, dass dies der Tontechniker sein sollte, denn er hantierte irgendwas an den Boxen herum. Glück im Unglück: er war nicht der Tontechniker, es gab nämlich gar keinen. Aber es gab ein Mischpültchen und zwei zerschlabberte Boxen.

Die bisher recht leere Kneipe füllte sich allmählich. Einige kamen tatsächlich aufgrund des Konzertes. Andere zum Skatspielen. Wie sich herausstellte, ist die Agentenzentrale so etwas wie das „Wohnzimmer“ für diejenigen Brandenburger, die ein bisschen weiter links gepolt sind als der Rest, der sich in braunen Kaschemmen besäuft (was einen ansonsten sympathischen Mann nicht davon abhielt, später über das „migrantenverseuchte“ Berlin zu fluchen).

Während ich verzweifelt feststellte, dass der Sound der Anlage Käse ist (oder ich kein Tontechniker bin), erschien neben mir eine dünne ätherische Frau in einem gemusterten Wolljäckchen. „Geheimnisvolles Konzert“ klänge ja so interessant – ob sie wohl hier bleiben solle? Ihre Intuition sei ja aber heute so versperrt, möglicherweise gehe sie also doch ins Kino…Ich dachte an meine Setlist und konnte ihr Hoffnung machen, dass sich mein Konzert für sie lohne. Sie entschloss sich zu bleiben.

Was dann geschah.

Kurz bevor es los ging, überflutete mich endlich die Aufregung. Ich hüpfte und jodelte vor der Toilette herum, wo ich einen alten mysteriösen Maler traf. Aber in Brandenburg sind alle immer besoffen, da werden die schönsten Gespräche nach zehn Sekunden sinnlos.

Der Laden war rappelvoll. Aber als ich loslegen wollte, schien das nicht allzu interessant für den Großteil. Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass meine Eröffnung aus dem gemeinsamen Hören eines Klangstückes und dem Vortrag eines der tiefsten Gedichte in deutscher Sprache bestand. Die Leute unterhielten sich, gröhlten, klimperten, spielten Dart und Skat. Für mich war es enorm schwierig eine Spannung aufzubauen und überhaupt dran zu bleiben. Ich gab mich dennoch ziemlich rein, und obwohl die Performances echt gut liefen, kam vom Publikum kaum etwas zurück

Schon beim ersten Gedicht musste ich um Ruhe bitten, was sich aber als nutzlos erwies, denn von denen, die lärmten, hörte mir ja keiner zu.  Aber eigentlich ist der Kontrast doch echt witzig: Hochkulturlyrik in einer alkverschwitzten Raucherkneipe in Brandenburg an der Havel.

Ich spielte auch den „Vielfraß“, doch selbst den nahm man nur müde zur Kenntnis. Letztendlich akzeptierte ich die Situation wie sie war, nämlich hochprozentig hoffnungslos, und konzentrierte mich total auf die etwa 10-12 Leute, die im Kneipenlärm bei mir blieben.

Denen machte ich es aber auch nicht leicht, denn sie hörten, im Anschluss an eine Poetry-Performance während der ich mir heftigst ins Gesicht schlug, nun ein bizarres Stück, „Sehr fern„, welches zudem unter dem unheilbaren Bassgedröhn der Anlage litt.

Johnny Cash? John Cage!

Wir waren nun im absurden Teil des Abends angelangt: ich stellte ihnen John Cage vor.

– „Hat jemand von euch schon mal was von John Cage gehört?“ – Stille (mit etwas akademischem Humor könnte man sagen: das ist die richtige Antwort).
– „Johnny Cash kenn‘ wa‘!“ rief eine Frau.

Naja, so ähnlich, dachte ich mir. Und erzählte den entgeisterten Gesichtern, wie John Cage in einem seiner letzten Interviews am offenen Fenster sitzend den Sound des Straßenlärmes preist, wohingegen er Beethoven als langweilig, weil vorhersehbar bezeichnet. Wie meine Mitbewohnerin Sarah mir soeben klarmachte, war das, was ich jetzt tat, purer Punk: in dieser Kneipe 4’33“ aufführen.

Ein paar ließen sich sogar darauf ein, viele hatten Fragezeichen im Kopf; sogar die Dart- und Skatspieler hielten kurze Zeit verwundert inne. Manche hörten wenigstens für einige Sekunden in die Geräuschkulisse hinein. Anschließend lud ich ein, Erfahrungen auszutauschen. Ein besoffener Jongleur setzte sich zu mir auf die Bühne und redete dann Sachen, die ich nicht verstand.

Aber das ging ihm andersrum die ganze Zeit wohl auch so.

Und er sah, dass es gut war.

Zum Abschluss las ich meinen „Was ist Liebe?„-Text, der die aufmerksamen Menschen stark berührte. Das zumindest entnahm ich dem andächtigen Nicken. Und den Einzelgesprächen, die sich nach Konzertende ergaben. Ein Gruppengespräch entwickelte sich über dieses intime Thema in diesem Kneipensetting leider nicht.

Die ätherische Frau schlich nach Konzertende zu mir und erzählte mit ungarischem Akzent von ihren Gedanken zur Liebe und ihren aktuellen Lebensfragen. Ihre Herzlichkeit, Wärme, Dankbarkeit, Unsicherheit berührten mich und ich schenkte ihr den Text. Sie freute sich, dass sie zum Konzert geblieben war und verschwand nach einer Umarmung.

Auch mit anderen gab es später etwas Austausch, bei einer Brokkolipizza, die man mir bestellte, und die ich jetzt am Tisch teilte.

Nachdem ich durch die leere, stille und nur von einigen Suffnazis durchbrochene Brandenburger Havelnacht auf meinen Regio rannte, und nun nach Kneipenqualm stinkend im ebenfalls leern und stillen Abteil saß, dachte ich: Es wäre leicht, über diesen Abend frustriert zu sein. Doch wenn man etwas ändern will, muss man genau an diese Orte gehen, und dort wenigstens ein paar Fragezeichen hinterlassen.

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