Was ist Liebe?

Gedanken, aus dem Moment gegriffen. Ein Impuls, kein Statement.

Liebe – das sind nicht die glühenden Gefühle der Verliebtheit, die plötzlich da sind und alles Innere zum Sprudeln bringen. Liebe – das ist nicht das Idealisieren des Partners, das ist nicht die Schwärmerei, das sind nicht die Schmetterlinge im Bauch.

Nicht, dass diese Gefühlszustände belanglos wären. Sie sind im Gegenteil so überwältigend schön, dass man am besten lernt, wie man sie immer wieder erzeugt, und dann im geistigen Nebelrausch kindisch bizarre Dinge tut, die sich durch nichts erklären lassen, als durch den schönsten Kontrollverlust, den es im Universum zu erleben gibt.

Aber dieser Rausch, das ist nicht die Liebe.

Er hilft uns vielleicht, dass wir dieser seltsamen Idee nachgehen, und unser Leben, unsere Macken, Phantasien, Verschrobenheiten und unser durch und durch unideales Wesen einem anderen durch und durch unidealen Wesen anvertrauen, in der irrwitzigen Hoffnung, dadurch würde endlich einiges besser. Aber bestenfalls fühlt man sich weniger einsam, für unbestimmte Zeit.

Doch bald, wenn der frische Frühlingsflug auf Wolke 7 in einen wüsten Herbststurm übergeht, die Blättter fallen, die Äste knirschen, die Temperaturen stürzen, und die Verkeilungen beginnen, kann auch erst das beginnen, was man Liebe nennt. Oder man trennt sich. Wahrscheinlich ist es dieser Augenblick, in dem man entscheidet: Ja, ich will mit deinen Dunkelheiten leben müssen; oder nein: daran werde ich zugrunde gehen.

Es ist wohl auch der Augenblick, in dem man sich eingesteht, Bedürfnisse zu haben, von denen man gar nicht sagen kann, wie der andere sie eigentlich erfüllen soll, – man weiß bisher nur, dass er es nicht tut, und dass einen selbst das sehr verletzt – und man nun bereit ist, diesem Geheimnis gemeinsam auf die Spur zu kommen.

Oder: es überwiegt der Zweifel, dass der Partner darauf überhaupt neugierig ist.

Wir sind keine Puzzleteilchen, die einzeln im Universum herumschwirren, und sich während ihrer Single-Phasen ein paar Ecken und Kanten zurechtschleifen, nur damit man beim nächsten Mal gleich perfekt zueinander passt (zu wem eigentlich?). Gerade die Prozesse einer Begegnung, in denen das Knirschen am lautesten ist, in denen die Schmerzen ein Gesicht, die Ängste einen Körper, die Begehren eine Geste bekommen: sie machen eine Beziehung doch überhaupt erst aus. Diese Prozesse sind nicht Möglichkeiten einer Beziehung, sondern ihre konkrete Eigenschaft.

Die Entscheidung, dem Partner etwas zu geben, ohne Verlangen, dass er dieses Geben auf eine bestimmte Art beantwortet, z.B. indem er zurückgibt, lächelt, sich bedankt oder bei einem bleibt: diese Entscheidung ist Liebe.

(Nicht zu verwechseln mit der Sklaverei in einer Abhängigkeitsbeziehung; nicht zu verwechseln mit scheinbar selbstloser Aufopferung, die irgendwann erst zum stummen, dann zum lauten Vorwurf wird.)

Liebe ist, wenn du spürst, dass dein Partner dich verlassen will, und du ihm, ohne deinen Schmerz zu verleugnen, bei diesem Entwicklungsschritt hilfst.

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