Eine Begegnung

Auf dem Fensterbrett verstauben wieder
leere Flaschen Gin,
und verbreiten im Raum so ’ne Art
vertrautes Parfüm.
Heute peitscht er mit dem Gürtel,
morgen vergewaltigt er dich.
Die Menschen kannst du nicht ändern,
aber sie verändern dich.

Kalte Asche,
fahles staubiges Licht,
wo selbst die helle Sonne
nur trüb durch bemalte Fensterscheiben bricht.
Blaue Flecken überall,
du erwartest schon
Willkür und Ohnmacht
und die Schnur vom Telefon.

Dass du an allem Schuld trägst,
ist für dich bereits normal,
dir weißt es grad nur nicht ein,
für was genau eigentlich nochmal?
Doch frag‘ nicht, sag‘ nichts,
lebe in Scham!
…und nachts pultst du an deiner Kopfhaut,
denn das Blut ist so schön warm.

Die Kinder in deiner Schule
gucken dich schon so komisch an,
du bist ein Außenseiter
selbst am äußersten Rand der Außenbahn,
du bist eine Ansammlung groteskester
Überlebensstrategien,
und in Chemie erzählst du’s dann Marie,
die sagt: „Mein Papa macht sowas nie.“

…Jahre später
entdeckst du Simone de Beauvoir
im Traumland der Drogen
bei deinem Bogenflug auf Gras
doch immer beißt du in den Boden,
denn: kommt ein Mann über dich
– du hilfloses Kind! –
dann turnt es dich an, wenn er dich erniedrigt,
bespuckt, beschmutzt, beschimpft.

Draußen: kalter Regen,
drinnen: warmes Licht,
Tee und Fichtennadelduft
– so finde ich dich.
Deine Wohnung ist still,
doch in deinen Augen sitzt ein Schrei,
und dein kleines Begehren
ist schon zu groß für uns zwei.

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